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In Memoriam Marion Ferguson


Horst-Peter Wolff


Hilde Steppe (1947-1999) hat mit ihrer Dissertation 1997 einen hervorragenden Beitrag zur „Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland“ veröffentlicht. Nicht zu verwechseln ist aber damit das Thema „Der Beitrag deutscher Juden zur Geschichte der Krankenpflege“. Diesem Thema sind die folgenden Ausführungen über eine britische Pflegewissenschaftlerin gewidmet, die als Jüdin den nationalsozialistischen Machthabern in Deutschland entkam: Marion Ferguson.

Sie wurde als Tochter von Walter und Gertrud Goldberg, geb. Präger, in München am 26. Juni 1924 geboren und wuchs in Plauen im Vogtland auf, wo ihr Vater als Versicherungsvertreter arbeitete und ab 1932 als Sekretär der Jüdischen Gemeinde Plauens sowie als Bibliothekar der Eugen-Fuchs-Loge des Ordens B'nai B'rith angestellt war. Im Gemeindevorstand wie in der Loge spielte besonders der ältere Bruder ihres Vaters, Rechtsanwalt Dr. jur. Isidor Goldberg (1881-1943), seit 1912 eine herausragende Rolle, von 1927 bis 1932 als ihr Vorsteher. Er war politisch liberaler Demokrat und engagierte sich schon früh als Gegner des aufkeimenden Nationalsozialismus. Seinetwegen musste die fest im assimilierten Judentum verankerte Familie Goldberg schon in den 20er Jahren antisemitische Angriffe hinnehmen, d.h. Marion erlebte sie als Jüdin von frühester Kindheit an mit.

Nach Anbruch der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland musste ihr stadtbekannter Oheim nach vorübergehender Verhaftung im April 1933 emigrieren, wurde später in Frankreich wieder von der Gestapo ergriffen und schließlich in Auschwitz gemeinsam mit einem jüngeren Bruder ermordet. In Plauen ist heute eine Straße nach Stadtrat Dr. Goldberg benannt.

Marion erlebte als Heranwachsende die sich immer mehr verschärfende Diskriminierung und Verfolgung der Juden in Deutschland. In der berüchtigten Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde das elterliche Heim von SA-Schlägern demoliert und unbewohnbar gemacht. Der Hauswirt lehnte es ab, den Mietvertrag mit den Goldbergs zu verlängern. Der Vater flüchtete Hals über Kopf nach Italien und von dort nach Frankreich, von wo aus er die Ausreise seiner Frau und seiner Tochter aus Deutschland zu organisieren versuchte. Gertrud Goldberg wohnte von dieser Schreckensnacht an mit ihrer Tochter bei den betagten Eltern, Julie und David Präger, die 1880 aus Krakau nach Deutschland eingewandert waren, wo ihre 1898 in Plauen geborene Tochter später in Leipzig den Beruf der Kindergärtnerin erlernt hatte und als solche mit der Familie Goldberg bekannt geworden war. Gertrud Goldberg wollte die Eltern, die als Staatenlose zusätzlichen Gefahren ausgesetzt waren, nicht verlassen und übernahm als Nachfolgerin ihres Mannes die Aufgaben einer Gemeindesekretärin in Plauen. Die Korrespondenz der jüdischen Gemeinde wurde von der Gestapo kontrolliert. Marion Goldberg begleitete ihre Mutter oft auf den schweren Gängen in das Gestapobüro und vergaß bis an ihr Lebensende nicht die Angst, die ihnen beiden durch diese Gänge bereitet worden war.

Am 26. Juli 1939 konnte Marion als eben Fünfzehnjährige mit einem letzten jüdischen Emigrantentransport von Kindern und Jugendlichen nach Großbritannien entkommen und bei englischen Pateneltern Aufnahme finden. Bis Ende 1941 erhielt sie in England noch 22 Briefe und Karten von ihrer Mutter, die sie bis zuletzt wie einen kostbaren Schatz hütete und der zugleich beweist, dass sie das von den Nationalsozialisten ihrer Familie bereitete Unglück nie verwinden konnte. Ihre Mutter wurde 1942 verhaftet und im gleichen Jahr in Auschwitz umgebracht, ihre Großmutter im Jahr darauf. Der Großvater starb nach dem Weggang seiner Enkelin und der Verhaftung seiner Tochter als einziger der engeren Familie 1942 in Plauen eines „natürlichen" Todes.


Marion Goldberg begann wenige Jahre später in Großbritannien als jüdische Emigrantin die Ausbildung zur Krankenschwester, die sie bis zum Abschluss 1947 zweimal abbrach. Das nicht verwundene Schicksal ihrer Familie in Deutschland, die nicht immer emigrantenfreundliche Stimmung in der britischen Bevölkerung und ihre von den durchlebten existentiellen Ängsten stimulierte Auflehnung auch gegen die üblichen Disziplinierungsmethoden in der Schwesternausbildung dürften die Gründe dafür gewesen sein. Nichtsdestoweniger errang sie schließlich ihren Abschluss sogar mit Auszeichnung durch eine Goldmedaille, schloss als junge Krankenschwester noch die Fortbildung zur Hebamme und Fürsorgerin an und erwarb auch die Lehrbefähigung für ihren Beruf. Die folgenden Berufsjahre verliefen vorwiegend in der ambulanten Pflege und führten sie von Großbritannien nach Israel, Afrika und die USA, wo sie zuletzt im Bundesstaat Indiana tätig war.

Marion Ferguson, wie sie sich inzwischen nach ihrer kurzen Ehe nannte, nahm in den USA das Studium der Soziologie und der Politikwissenschaften auf. Sie hätte ebenso gut die dort im Aufwind begriffenen Pflegewissenschaften studieren können. Darin, dass sie es nicht tat, kommt bereits ihre skeptische und kritische Einstellung zur damals üblichen Strukturierung der Pflegewissenschaft zum Ausdruck, die sie nach der soziologischen, besonders sozialpolitischen Seite hin für ergänzungsbedürftig hielt, und um deren Erweiterung sie in den folgenden Berufsjahren ständig kämpfte.

Nach einer Studienreise durch europäische Länder kehrte sie zu Beginn der 70er Jahre nach Großbritannien zurück und trat als Lehrerin in die neu gebildete Abteilung für Fortbildung in der Pflege an der University of Wales in Cardiff ein, wo sie schon bald zur Stellvertreterin der Direktorin C. M. Chapman avancierte und wesentlich an der Ausarbeitung des Curriculums für einen vierjährigen Bakkalaureats-Studiengang beteiligt wurde. Da ihr die sozialpolitische Gebundenheit der Pflege Hauptanliegen war, baute sie vor allem den Anteil soziologischer Wissensgebiete im Studiengang Pflege aus. Anfang der 80er Jahre wurde Marion Ferguson erste Direktorin des Pflegestudienganges und Mitarbeiterin für Forschung am traditionsreichen Bedford-New-College in London, Department of Social Policy.

Sie wurde nun zunehmend auch international wirksam, einerseits als gewählte Repräsentantin ihres Landes in entprechenden beruflichen Gremien der Europäischen Gemeinschaft, andererseits aber vor allem auch als gesuchte Referentin zahlreicher pflegeberuflicher Kongresse, nicht zuletzt in beiden deutschen Staaten. Immer wieder bestand ihr Hauptanliegen in der soziologischen Betrachtungsweise der Pflege, indem sie überzeugend die These zu vertreten wusste, dass sich Pflege und politisches Engagement für ihre humanitären Anliegen nicht widersprechen. In diesem Sinne konnte sie ihre Schülerinnen und Zuhörer immer wieder begeistern und zu kritischer Hinterfragung scheinbar gesicherter pflegewissenschaftlicher Positionen motivieren.

In ihren Gedanken zu einer Berufsphilosophie der Krankenpflege unterstützte sie, u.a. in Anlehnung an Victor Kestenbaum (,,The humanity of the ill"), die Anwendung der Phänomenologie als Methode zur wissenschaftlichen Analyse der Krankenpflege. Ihre Skepsis am Professionalisierungsprozess der Pflege drückte sich mitunter in nahezu visionären Fragestellungen aus: „Ich könnte mir vorstellen, dass sich der Schwesternberuf so ändert, dass man (ihn) kaum noch braucht, so wie (er ist)." (1978) Und das begründete sie damit, dass Rationalisierung in den Industriestaaten die Arbeitslosenzahlen so weit heraufsetzen würde, dass genügend Familienangehörige zur häuslichen Pflege zur Verfügung stünden und durch wenige Krankenschwestern nur noch angeleitet zu werden brauchten; man würde mehr Helferinnen mit Kurzausbildung als hoch qualifizierte Fachschwestern benötigen. Logisch durchdacht müssten die Grundprinzipien der Pflege eigentlich in die Allgemeinbildung aller Bürger einfließen usw.

Als Pflegehistorikerin versuchte Marion Ferguson u.a. Anfang der 80er Jahre auch einen Zugang zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland zu finden, was sich von England aus aber als sehr schwierig erwies und praktisch erst Ende der 90er Jahre durch Hilde Steppe zu greifbaren Resultaten führte.

Ferguson war mit der so genannten Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland zutiefst unzufrieden und glaubte, dass man wahrscheinlich dort mit ihm überhaupt „nicht fertig" werden würde. Sie scheute sich aus ihren persönlichen Erlebnissen heraus lange Zeit, in den Westen Deutschlands zu reisen, während sie mit Besuchen im Osten weniger Probleme hatte. Der Hintergrund dazu wird auch in ihrer Weltanschauung zu suchen sein, in der sie sich als linke Feministin marxistischen Auffassungen genähert hatte. Zwischen 1984 und Anfang 1988 unterstützte sie mit zahlreichen brieflichen Auskünften und der Einsichtgabe in die Briefe ihrer Mutter das Projekt des Ostberliner Journalisten Hanns Schmidt, die Geschichte der Israelischen Religionsgemeinde in Plauen zu erforschen und darzustellen, heute die wichtigste Quelle zu den ersten 15 Jahren ihrer Biographie.

Ihr letzte größere Publikation war das gemeinsam mit Professorin Jennifer R.P. Boore, Universität Ulster, und Ruth Champion, Polytechnikum Sheffield, 1987 herausgegebene Lehrbuch der Krankenpflege, in dem sie zusammen mit Virginia L. Bonavit, Melbourne (Australien) das Kapitel Krankheitsursachen (,,Aetiology of disease and disorder") souverän bearbeitete und hier besonders auf die komplexen sozialen Bedingungen für Krankheit und Gesundheit einging. Die Zusammenfassung dieses Kapitels unter der Überschrift ,,Verantwortung der Pflegerin" bietet zugleich noch einmal einen Blick auf ihr sozialpolitisch orientiertes Credo in der Pflege:

„In den entwickelten Ländern machen die Pflegenden einen großen Teil, wenn nicht überhaupt die Mehrheit der im Gesundheitswesen Tätigen aus. (...) Die Stimme des Pflegeberufes wurde in der Sozial- und Gesundheitsgesetzgebung in der Vergangenheit kaum wahrgenommen. Das muss sich ändern. Damit die Ansichten von Pflegenden ernst genommen werden, müssen diese gut informiert sein und einen Überblick über die für das Leben wichtigen Umweltbedingungen besitzen, einschließlich deren ökonomischer und gesellschaftlicher Struktur. Außerdem ist es notwendig, die Beziehungen zum einzelnen Patienten dafür zu nutzen, um hemmende Vorurteile und Informationslücken in dieser Hinsicht zu beeinflussen. Das kann nur erreicht werden, wenn die Pflegenden in Bezug auf die Lebensumstände, die Arbeit und die vom Gesundheitswesen erwartete Hilfe, etwas über ihre Patienten wissen.

Pflegende können nur wirksame Mitarbeiterinnen des Gesundheitswesens sein, wenn sie mit den aktuellen politischen, sozialen und ethischen Verhältnissen vertraut sind. Wenn Pflegende nicht als wirksame und einflussreiche Mitglieder des Gesundheitswesens angesehen werden können, dann bleibt der Pflegeberuf ohne Profil und eine schwache gesellschaftliche Kraft. Auf diese Weise werden erforderliche Reformen eine längere Zeit beanspruchen, als eigentlich wünschenswert wäre." (Übersetzt v. Verfasser)

Marion Ferguson wurde in Cardiff am 22. Juli 1988 durch ein Krebsleiden aus ihrem Schaffen gerissen, tief betrauert von ihren Schülerinnen und Kolleginnen. Sie hinterließ u.a. ein für ihre Auffassung von Pflege typisches wissenschaftliches Projekt, in dem die Rolle der Unterstützung des Kranken durch Freunde in Fällen von unheilbarer Geschwulstkrankheit erforscht werden soll (Marion Ferguson Memorial Research Fund).

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Quellen:

Archiv Professor Dr. Karin Wittneben, Hannover: Briefe M. Fergusons vom 23.10.1978 und 03.04.1979.

Boore, Jennifer R.P.; Champion, Ruth und Ferguson, Marion C.: Nursing the physically ill adult. A Textbook of Medical-Surgical Nursing. Churchhill Livingstone, Edinburgh-London-Melbourne-New York 1987, Seite 11-26.

Ferguson, Marion: Gedanken zu einer Berufsphilosophie der Krankenpflege. Deutsche Krankenpflegezeitschrift 38 (1985) 8: 520-524.

Sammlung des Instituts für Pflegegeschichte, Qualzow:

- Brief Marion Fergusons an H.-P. Wolff vom 06.12.1979.

- Manuskript von Dr. Ruth Champion, Oxfordshire, England, Oktober 1988.

Schmidt, Hanns: Zur Geschichte der Israelischen Religionsgemeinde Plauen i.V. Herausgegeben vom Vogtlandmuseum, Plauen 1988.

Steppe, Hilde: "...den Kranken zum Troste und dem Judenthum zur Ehre...". Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland. Mabuse, Frankfurt a.M. 1997.
Wittneben, Karin: Briefliche Mitteilung an den Verfasser vom 13.07.1998.
Wolff, Horst-Peter (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte, Band 2.

Urban & Fischer, München / Jena 2001, Seite 66-69.