Horst-Peter Wolff (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. "Who was who in nursing history". Verlag Ullstein Mosby. Berlin, Wiesbaden 1997, 234 S., DM 48,-. ISBN 3-86126-628-8


In dem Maße, wie sich seit einigen Jahren in den deutschsprachigen Ländern die Pflege als Wissenschaft zu etablieren beginnt, bekommt auch die historische Pflegeforschung erstmals die Chance einer breiteren Entfaltung und Entwicklung als ihr bislang möglich war. So ist es nicht verwunderlich, dass es hierzulande zur Geschichte des Pflegeberufes vergleichsweise - etwa bezogen auf die Medizingeschichte, wo schon seit langem gleich mehrere umfangreiche biographische Lexika als unentbehrliche Arbeitsmittel zur Verfügung stehen - noch wenig Literatur gibt. Abgesehen von einigen Werken über die "Geschichte der Krankenpflege", die zumeist einen großen Bogen schlagen von der vor- und frühgeschichtlichen Zeit bis zur Gegenwart, war es bislang nicht möglich, biographische Einzelheiten zum Leben und Wirken pflegegeschichtlich bedeutender Persönlichkeiten und ihre Bildportraits in einer Zusammenschau zu finden. Diese empfindliche Lücke in der pflegehistorischen Forschung schließt nun erstmals das von Horst-Peter Wolff herausgegebene "Biographische Lexikon zur Pflegegeschichte".

Entstanden ist das überaus beachtenswerte Werk in einem dreijährigen Projekt des "Instituts für Pflegegeschichte" (Qualzow) und des "Instituts für Medizin-/Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft" der medizinischen Fakultät der Humboldt Universität (Berlin), an dem sich zahlreiche Pflegehistoriker/-innen aus Deutschland, Österreich, Italien, Finnland, Ungarn, Großbritannien, Island, Kanada, Südafrika und Australien beteiligten. Unter der Mitarbeit von über dreißig Autorinnen und Autoren entstand so eine Sammlung von rund 400 Kurzbiographien und biographischen Annotationen. Sie beinhalten in alphabetischer Reihenfolge von A-Z, wie aus dem Untertitel des Buches - der nicht "Who is who?", sondern "Who was who?" lautet - deutlich ersichtlich ist, ausschließlich die Lebensgeschichten verstorbener Personen. (Inzwischen liegt auch ein von Birgit Trockel, Irmgard Notthoff und Margret Knäuper im Verlag Hans Huber herausgegebenes Lexikon "Who is Who in der Pflege. Deutschland, Schweiz, Österreich" [Bern, Göttingen, Toronto, Seattle 1999] vor).

Wie der Herausgeber in seinem Vorwort betont, wurden bei der Auswahl unabhängig von ihrer Profession Persönlichkeiten berücksichtigt, auf deren Namen man bei pflegegeschichtlichen Studien in den unterschiedlichsten Zeit- und Lebensräumen treffen könnte. Neben den Daten aus dem Leben und Wirken so bedeutender Pflegehistorikerinnen, wie Lavinia Dock, Ethel Johns, Agnes Karll, Mary Nutting, Isabei Stewart und Anna Sticker, finden sich daher auch Angaben über frühe Vertreterinnen der Pflegewissenschaft, wie Florence Nightingale, Virginia Henderson oder Martha Rogers. Daneben fanden auch erste Lehrbuchautoren Berücksichtigung, wie Jacob Oetheus, Georg Detharding oder Max Schmidt, ebenso wie namhafte Vertreter/-innen der karitativen Pflege, wie beispielsweise Johannes von Gott, Regina Protmann oder Marianne von Rantzau. Besonders verdienstvoll erscheint, daß die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht ausgeklammert wurde. So werden neben Führungskräften aus der NS-Zeit, wie Erich Hilgenfeldt, Magdalena Moser, Luise von Oertzen, Amalie Rau, Hildegard Rancke oder Adelheid Testa, auch Pflegepersonen angeführt, die gegen das mörderische Regime Widerstand leisteten, wie etwa Sara Nußbaum und Anna Berta Königsegg.

Die Autor/-innen haben, wenngleich ihr Schwerpunkt der vorgestellten Personen auf den Vertreter/-innen der beruflichen Krankenpflege liegt, den Begriff "Pflegeberuf" dankenswerterweise nicht so eng gefaßt, wie er im gegenwärtigen deutschen Schrifttum häufig anzutreffen ist. So kommt es, daß man beim Lesen auch auf bekannte Hebammen, Fürsorgerinnen, Heilgymnastinnen oder "Röntgenschwestern" trifft. Am Ende der einzelnen Beiträge, die von ihrer Länge her recht unterschiedlich ausfallen (einige dürften etwas länger sein), finden sich jeweils Quellenangaben und - soweit vorhanden - Hinweise auf zentrale Literatur, die für die weiterführende biographische Forschung sehr nützlich sind.

Das "Biographische Lexikon zur Pflegegeschichte", bei dem es sich in dieser Art um das bislang erste und umfassendste Nachschlagewerk in der deutschsprachigen Literatur zur Pflegegeschichte handelt, ist ein außerordentlich wichtiges, längst überfälliges Buch und zwar sowohl für den pflegegeschichtlichen Unterricht als auch für die pflegehistorische Forschung. Für Schüler/-innen und Studenten/-innen aus dem Pflegesektor ist es zur professionellen Gestaltung pflegegeschichtlicher Arbeiten eine notwendige - bislang völlig fehlende - Handreichung.

Es wäre wünschenswert, wenn sich die Hoffnung der Autor/-innen und des Herausgebers alsbald erfüllen würde, mit ihrem Buch Berufskolleg/-innen im In- und Ausland, die dem Projekt bislang skeptisch und zurückhaltend gegenüberstanden, zu weiteren Beiträgen auf der Basis dazu notwendiger lokalhistorischer Forschung anzuregen. In diesem Sinne ist dem Lexikon, das ein buntes und facettenreiches Bild der Pflegegeschichte in Lebensbildern vermittelt, nicht nur eine weite Verbreitung, sondern möglichst rasch eine zweite, stark erweiterte Auflage zu wünschen.


Hubert Kolling

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