Liliane Juchli. Ein Zeitdokument der Pflege. Herausgegeben vom gsh-Innovationsteam. gsh-Verlag. Dietzenbach 1998, 245 S., DM 24,00 plus 4,50 DM Versandkosten (Ausland 6,50 DM), keine ISBN

Die Schweizerin Sr. Dr. h.c. Liliane Juchli, 1933 in Nussbaumen bei Baden (Aargau) geboren, ist wohl eine der bekanntesten Krankenschwestern der Gegenwart. Durch ihre berufliche Praxis und zahlreichen Publikationen hat sie das Denken und Handeln in der Gesundheits- und Krankenpflege wesentlich beeinflusst. Insbesondere durch ihr Hauptwerk "Allgemeine und spezielle Krankenpflege", das unbestritten als das umfassendste Lehrbuch im deutschsprachigen Raum und weit darüber hinaus gilt, hat sie Generationen von Krankenschwestern und -pflegern geprägt. Von dem Buch, heute unter dem Titel "Pflege - Praxis und Theorie der Gesundheits- und Krankenpflege" bekannt, wurden inzwischen über 850.000 Exemplare verkauft; zudem erschien es auch in italienischer und holländischer Sprache in mehreren Auflagen. Dabei spiegelt der Krankenpflegeklassiker zugleich die Entwicklung der Pflege in den letzten 30 Jahren wider. 1969 als Manuskript gedruckt und 1971 in erster Auflage im Thieme Verlag (Stuttgart) erschienen, überschritt das Buch rasch die 100.000er-Grenze. Vor allem die vierte, 1983 nun unter dem Titel "Krankenpflege - Praxis und Theorie der Gesundheitsförderung und Pflege Kranker" erschienene Auflage markiert einen deutlichen Umbruch in der Krankenpflege, weg von dem bis dahin noch stark medizinisch orientierten Denken hin zu mehr Ganzheitlichkeit und Orientierung an der Pflege. 1995 durch die Stiftung Buchkunst als "eines der schönsten Bücher des Jahres" ausgezeichnet, wurden die aktualisierten Auflagen jeweils den neueren Entwicklungen angepasst.

Sr. Liliane Juchli, Mitglied der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz, Institut Ingenbohl (Brunnen), verweist in ihren Veröffentlichungen stets auf das Konzept der ganzheitlichen Pflege und bezieht die transzendente Dimension mit ein. So sind insbesondere bei ihr die seelsorgerisch-therapeutische Begleitung und die Bildungsarbeit in Bereichen wie Altern, Lebensprozesse und Lebenswenden, Schmerz, Leiden und Grenzerfahrungen sowie die Wiederentdeckung und die Ressourcen der Weiblichkeit im Menschen von Bedeutung. Für ihre Verdienste in Lehre und Forschung der Krankenpflege und für die Grundlagen eines qualifizierten "Pflegehandwerks", mit dem sie "ein Zeichen für die heilende Dimension des Glaubens und für eine diakonische Kirche gesetzt" hat, verlieh ihr am 15. Februar 1997 die theologische Fakultät der Universität Freiburg (Schweiz) den Doktor honoris causa.

Nach der Ehrendoktorwürde wurde ihre bahnbrechende Arbeit inzwischen auch an anderer Stelle gewürdigt. Am 27. und 28. Februar 1998 fand in der Stadthalle Baunatal (Hessen) eine Hommage an Sr. Liliane Juchli statt, bei der sie für ihre außergewöhnliche Leistungen und Verdienste für die Pflege die höchste Auszeichnung des Österreichischen Krankenpflegeverbandes, den goldenen Ehrenring - erstmalig und einmalig verliehen - und die Ehrenmitgliedschaft, erhielt. Gleichzeitig richteten Vertreterinnen aller Berufsverbände der Krankenpflege in Deutschland, stellvertretend für die gesamte Berufsgruppe der Pflegenden, Dankesworte an sie.

Diese erste Hommage im Pflegebereich, die in dem Buch "Liliane Juchli - Ein Zeitdokument der Pflege" dokumentiert wird, beruht auf einer Initiative des "gsh-Innovationsteams", einer Gruppe von elf Personen aus Österreich und Deutschland, die in leitenden und/oder lehrenden Positionen in der Pflege tätig sind. Wie die Teammitglieder in ihrem Vorwort schreiben, fühlten sie sich zur Ehrung von Sr. Liliane Juchli berufen, "weil zum einen bei allen eine langjährige persönliche Beziehung zu Sr. Liliane besteht, vor allem aber, weil sie mit dieser Ehrung das Engagement dieser besonderen Frau für die Professionalisierung der Pflege hervorheben möchten" (S. 12).

Das Buch gibt einen Überblick über das Leben und Werk von Sr. Liliane Juchli, wobei im Zusammenhang mit ihrer Biographie die verschiedenen Phasen der Pflege reflektiert und mit ihren Erkenntnissen, die sie aus geisteswissenschaftlichen Quellen für die Pflege fruchtbar gemacht hat, verbunden werden. Dargestellt wird das Portrait einer Frau, die Exemplarisches schuf, die sich aktiv und konstruktiv mit ihrer eigenen Gegenwart und der Gegenwart der Pflege auseinandergesetzt und dadurch über viele Jahre die Zukunft der Pflege beeinflußt hat. Sr. Liliane, die mit ihrem Wirken das Bewußtsein für die Pflege und auch das Selbstbewußtsein der Pflegenden außerordentlich gefördert hat, spricht in dem Buch auch offen darüber, wie sie Schwierigkeiten im Alltag meistert. Daneben berichten Wegbegleiterinnen - unter anderem auch ihre damalige Unterrichtsschwester - ganz persönlich, wie sie Sr. Liliane erlebt haben. So erfährt der Leser auch Interessantes und Lustiges aus ihrem Leben, was bisher kaum bekannt war.

Der schmale Band dokumentiert auch anschaulich die Entwicklung der Pflege seit Beginn der 70er Jahre bis heute. Hierbei zeigen insbesondere die Fachvorträge in eindrucksvoller Weise die Breite und Tiefe des neuen Denkens in der Pflege und den Wandel vom medizinischen Modell zur ganzheitlichen Sichtweise, die wesentlich von Sr. Liliane eingeleitet und vorangebracht wurde. Liliane Juchli, die künftig andere Aufgaben innerhalb ihres Ordens wahrnimmt, fordert in ihrem Beitrag "'Spanne deinen Wagen an die Sterne'" (S. 121-133) die Pflegenden dazu auf, weiter auf dem Weg der Profession unter Würdigung der jeweiligen Situation und Bedürfnisse der Patienten zu gehen. Wie sie hierbei betont, kann der Zug "Pflege" ihrer Meinung nach nur auf einem intakten Gleis in die Zukunft fahren, wozu zwei Schienen notwendig seien: "Erstens die Schiene Theorie: Das ist die Wissenschaftlichkeit, die Lehre und die Forschung, also die Anbindung unseres Berufes an Hochschulen und Universitäten, die Akademisierung. Zweitens die Schiene Praxis: Da geht es um die Sorge für menschenwürdige Bedingungen und Strukturen, und es geht um das von uns zu verantwortende Pflegehandwerk - die Fachkompetenz" (S. 129). Dabei erfüllt sich ihres Erachtens wahre Professionalität "nur in der Wirklichkeit ganzheitlichen Lebens und sie schöpft aus der Wesenstiefe des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe ebenso, wie sie von Lehre und Forschung lebt" (S. 131).

In ihrem Beitrag "Werte in der pflegerischen Wirklichkeit" (S. 137-154) setzt sich Marianne Arndt, erste habilitierte Pflegewissenschaftlerin Deutschlands, mit dem Wertewandel in der Pflege auseinander und hebt den Anteil von Sr. Liliane in den letzten dreißig Jahren daran hervor. Besonders wichtig erscheint ihr die moralische Herausforderung in der Pflege. Hierbei müsse es darum gehen, "die menschliche Wirklichkeit so zu vertreten, daß auch für das Nicht-Wiederherstellbare, auch und gerade für den sogenannten 'hoffnungslosen Pflegefall' ein ernstzunehmender Anspruch geltend gemacht wird" (S. 150).

In ihrem Beitrag "Kompetenzen im Pflegebereich" (S. 155-163) macht Christa Olbrich deutlich, daß Pflegepersonen aufgrund ihrer umfassenden Kompetenz Hilfe für Patienten bewirken, die sehr elementare Lebensbereiche einschließt. Diese Hilfe beziehe sich nicht nur auf medizinische Behandlung körperlicher Erkrankungen, sondern umfasse den Menschen in seinem Befinden insgesamt.

Das in kleiner Auflage erschienene Buch "Liliane Juchli", dessen Text durch Fotos, Zitate und Mandalas aufgelockert wird, ist ein Zeitdokument der Pflege mit besonderem pflegehistorischen Wert. Es hat keine ISBN-Nummer und wird im Selbstverlag vertriebenen (Bestelladresse: gsh - Verlag, Lindenstraße 34, D-63128 Diefenbach, Tel. 0049-6074/43495, Fax. 0049-6074/24687). Sr. Liliane Juchli hätte es allemal verdient gehabt, dass der Thieme-Verlag durch einen Vertreter nicht nur die grandiose Leistung der verkauften Exemplare ihres Lehrbuches gewürdigt, sondern die vorliegende Dokumentation publiziert hätte.

Hubert Kolling

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